Ratgeber
Soziales Netz: Wie soziale Kontakte die Gesundheit stützen
Soziale Kontakte hängen eng mit der Gesundheit zusammen: In einer Auswertung von 148 Studien hatten Menschen mit stärkeren sozialen Beziehungen eine um 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, den Beobachtungszeitraum zu überleben. Einsamkeit und soziale Isolation gehen mit mehr Herzerkrankungen, Schlaganfällen und Depressionen einher. Die Studien sind meist Beobachtungsstudien und können Ursache und Wirkung nicht sicher trennen.
Soziale Kontakte und Gesundheit hängen eng zusammen. Große Auswertungen verbinden ein starkes soziales Netz mit einem längeren Leben, weniger Herzerkrankungen und einer besseren Abwehr. Hier steht, was diese Studien gefunden haben, wie sicher die Befunde sind und wie gut Menschen in Deutschland eingebunden sind. Wie breit dein eigenes Umfeld aufgestellt ist, kannst du mit dem Soziales Netzwerk Check einschätzen.
Was zu einem sozialen Netz gehört
Die Forschung unterscheidet zwei Seiten. Die Struktur beschreibt, wie viele Kontakte du hast, ob du allein lebst und in wie vielen Lebensbereichen du eingebunden bist, etwa Familie, Freundeskreis, Arbeit, Nachbarschaft oder Verein. Die Funktion beschreibt, was diese Beziehungen dir geben. Das Robert Koch-Institut nennt dabei emotionale Unterstützung wie Zuneigung, Fürsorge und das Gefühl, verstanden zu werden, und praktische Unterstützung, etwa Hilfe bei Alltagsaufgaben oder mit Geld. Dazu kommen Informationen und Hilfe bei Entscheidungen [6].

Beide Seiten hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Einsamkeit als das schmerzhafte Gefühl, das aus einer Lücke zwischen den gewünschten und den tatsächlichen Beziehungen entsteht. Soziale Isolation ist dagegen ein objektiver Mangel an Kontakten [5]. Man kann also viele Menschen kennen und sich trotzdem einsam fühlen, oder allein leben und gut eingebunden sein. Ob dir die Menschen um dich herum im Ernstfall helfen würden, fragt der Test zur sozialen Unterstützung.
Soziale Kontakte und Lebenserwartung
Die bekannteste Auswertung stammt von einem Team um die Psychologin Julianne Holt-Lunstad. Es hat 148 Studien mit zusammen 308.849 Menschen zusammengefasst, die im Mittel 7,5 Jahre beobachtet wurden. Menschen mit stärkeren sozialen Beziehungen hatten eine um 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, den Beobachtungszeitraum zu überleben. Die Autoren halten den Effekt für vergleichbar mit dem eines Rauchstopps und für größer als den von Übergewicht oder Bewegungsmangel [1].
Am stärksten war der Zusammenhang, wenn die Studien die Einbindung in mehrere Lebensbereiche erfassten. Am schwächsten und statistisch nicht eindeutig war er, wenn sie nur fragten, ob jemand allein lebt. Die Autoren erklären das damit, dass man allein leben und trotzdem ein tragendes Netz haben kann [1]. Eine zweite Auswertung derselben Gruppe von 2015 trennte Einsamkeit, soziale Isolation und Alleinleben. Nach Berücksichtigung anderer Einflüsse war die Wahrscheinlichkeit, im Beobachtungszeitraum zu sterben, bei sozialer Isolation um 29 Prozent erhöht, bei Einsamkeit um 26 Prozent und beim Alleinleben um 32 Prozent. Ob die Isolation objektiv gemessen oder nur so empfunden wurde, machte keinen Unterschied [2].
Herz, Abwehr und Psyche
Eine britische Übersichtsarbeit hat Langzeitstudien aus Ländern mit hohem Einkommen zu Herz und Gehirn ausgewertet. Schlechte soziale Beziehungen gingen mit einem um 29 Prozent höheren Risiko für eine koronare Herzkrankheit und einem um 32 Prozent höheren Risiko für einen Schlaganfall einher. Zwischen Frauen und Männern zeigte sich kein Unterschied [3].
Ein Experiment von Sheldon Cohen und Kollegen zeigt den Zusammenhang mit der Abwehr. 276 gesunde Freiwillige gaben an, an wie vielen von zwölf Arten sozialer Beziehungen sie teilhatten, etwa als Partner, Elternteil, Freund, Kollegin oder Mitglied einer Gruppe. Danach bekamen sie unter Aufsicht Nasentropfen mit einem Erkältungsvirus. Wer nur ein bis drei Arten von Beziehungen hatte, erkrankte unter Berücksichtigung anderer Einflüsse etwa viermal so häufig an einer Erkältung wie jemand mit sechs oder mehr [4]. Rauchen, schlechter Schlaf und andere Faktoren erklärten diesen Unterschied nur zum Teil [4].
Für die Psyche nennt die WHO deutliche Zahlen: Einsame Menschen erkranken etwa doppelt so häufig an einer Depression. Einsamkeit kann außerdem zu Angst und zu Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid beitragen. Insgesamt bringt die WHO-Kommission für soziale Verbindung Einsamkeit mit mehr als 871.000 Todesfällen im Jahr in Verbindung [5].
Was die Studien zeigen
| Bereich | Befund | Beleg |
|---|---|---|
| Überleben insgesamt | 148 Studien, 308.849 Menschen: 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit bei stärkeren sozialen Beziehungen. | [1] |
| Isolation, Einsamkeit, Alleinleben | Sterbewahrscheinlichkeit um 29, 26 und 32 Prozent erhöht; objektive und empfundene Isolation gleich stark. | [2] |
| Herz und Gehirn | Schlechte soziale Beziehungen: 29 Prozent höheres Risiko für koronare Herzkrankheit, 32 Prozent für Schlaganfall. | [3] |
| Abwehr | 276 Freiwillige: Bei ein bis drei Beziehungsarten etwa viermal so häufig erkältet wie bei sechs oder mehr. | [4] |
| Psyche | Einsame Menschen erkranken etwa doppelt so häufig an einer Depression. | [5] |
| Unterstützung in Deutschland | 23.617 Erwachsene: 18,3 Prozent mit geringer, 54,4 Prozent mit mittlerer, 27,3 Prozent mit starker sozialer Unterstützung. | [6] |
Wie Kontakte auf die Gesundheit wirken können
Holt-Lunstad und Kollegen beschreiben zwei Erklärungen. Nach der ersten helfen Beziehungen beim Umgang mit Stress: Andere Menschen stellen Mittel bereit, mit denen der Körper und das Verhalten besser auf kurze oder lang anhaltende Belastungen reagieren. Nach der zweiten wirken Beziehungen auch ohne ausdrückliche Unterstützung. Menschen im Umfeld ermutigen zu gesundem Verhalten oder leben es vor, und eine Rolle im Netz gibt Selbstwert und Sinn [1]. Die Autoren nennen außerdem körperliche Wege, etwa eine bessere Immunfunktion bei sozialer Unterstützung. Ganz erklären lassen sich die Zusammenhänge über diese Wege nicht [1]. Die WHO schreibt, dass soziale Verbindung Entzündungen verringern und das Risiko für ernste Gesundheitsprobleme senken kann [5].
Wie gut Menschen in Deutschland eingebunden sind
Das Robert Koch-Institut hat in der Studie GEDA 2014/2015-EHIS 23.617 Erwachsene mit drei kurzen Fragen nach ihrer sozialen Unterstützung gefragt: auf wie viele Menschen sie bei ernsten Problemen zählen können, wie viel Anteil andere an ihrem Leben nehmen und wie leicht sie praktische Hilfe aus der Nachbarschaft bekommen. 18,3 Prozent hatten eine geringe Unterstützung, 54,4 Prozent eine mittlere und 27,3 Prozent eine starke [6]. Geringe Unterstützung kam bei Menschen mit niedriger Bildung am häufigsten vor und bei Arbeitslosen deutlich häufiger als bei Erwerbstätigen. Die Autorinnen und Autoren folgern, dass gerade Gruppen mit mehr Gesundheitsproblemen seltener auf Unterstützung zurückgreifen können [6].
Nach dem Einsamkeitsbarometer des Bundesfamilienministeriums hatten 2021 insgesamt 11,3 Prozent der Menschen eine erhöhte Einsamkeitsbelastung, im ersten Pandemiejahr 2020 waren es 28,2 Prozent. Von den Menschen mit erhöhter Einsamkeitsbelastung hatten 2021 60,7 Prozent eine unterdurchschnittliche körperliche Gesundheit. Besonders betroffen sind laut Ministerium unter anderem Menschen, die viel Sorgearbeit leisten, und Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung [7].
Was die Forschung nicht sagen kann
Fast alle Befunde stammen aus Beobachtungsstudien. Holt-Lunstad und Kollegen schreiben selbst, dass sich die Ursache nicht leicht nachweisen lässt, weil man Menschen nicht zufällig der Isolation zuteilen kann [1]. In der Auswertung von 2015 beeinflusste der Gesundheitszustand zu Beginn die Ergebnisse. Bei Menschen unter 65 Jahren sagten fehlende Kontakte den Tod stärker voraus als bei Älteren [2]. Die meisten Studien kamen aus Nordamerika und Westeuropa [1]. Die Zahlen beschreiben Gruppen und lassen sich nicht auf einzelne Menschen umrechnen.
Das eigene Netz stärken
Ein soziales Netz verändert sich im Lauf des Lebens. Eine Auswertung von 277 Studien fand, dass das gesamte Netz bis ins junge Erwachsenenalter wächst und danach stetig schrumpft. Der Freundeskreis wird kleiner, die Familie bleibt etwa gleich groß, und Lebensereignisse wie Berufseinstieg, Elternschaft oder der Tod des Partners verändern das Netz ähnlich [8]. Deshalb lohnt es sich, nach solchen Umbrüchen bewusst neue Kontakte zu suchen.

Gute Gelegenheiten bieten Orte, an denen du dieselben Menschen regelmäßig triffst. 36,7 Prozent der Menschen ab 14 Jahren engagieren sich freiwillig, am häufigsten im Sport und im sozialen Bereich. Als Gründe nennt der Freiwilligensurvey 2024 unter anderem Gemeinschaft und Freude [9]. Wenn dich eine Krankheit oder eine schwierige Lebenslage beschäftigt, findest du über die Selbsthilfekontaktstellen Gruppen, in denen sich meist 6 bis 12 Menschen mit ähnlichen Erfahrungen regelmäßig treffen [10]. Die WHO nennt als einfache Schritte, sich bei einem Freund zu melden, dem es vielleicht nicht gut geht, im Gespräch das Handy wegzulegen, die Nachbarn zu grüßen und sich einer Gruppe vor Ort anzuschließen [5]. Der britische Gesundheitsdienst NHS rät, mit der Familie eine feste Zeit zum gemeinsamen Abendessen zu vereinbaren, einen Tag mit Freunden zu planen, die man lange nicht gesehen hat, und Beziehungen nicht allein über Nachrichten und soziale Medien aufzubauen [11].
Wie du Freundschaften als Erwachsener findest und hältst, beschreibt der Ratgeber Freundschaften im Erwachsenenalter. Für Menschen ab etwa 60 gibt es in der Themenwelt Senioren den Soziale Aktivität Check.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Wenige Kontakte sind kein Grund zur Sorge, solange du dich damit wohlfühlst. Wenn du dich aber über Wochen einsam fühlst, dich zurückziehst oder kaum noch Freude empfindest, ist die Hausarztpraxis eine gute erste Adresse. Ob du dich einsam fühlst, fragt der Check zur Einsamkeit genauer ab.
Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr, kostenlos und anonym. Für Menschen ab 60 gibt es zusätzlich ein Gesprächsangebot gegen Einsamkeit. Die Nummern stehen auf der Seite Hilfe finden.
- Studie Social relationships and mortality risk: a meta-analytic review. PLOS Medicine 7(7):e1000316. Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB. Stand 27.07.2010. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Loneliness and social isolation as risk factors for mortality: a meta-analytic review. Perspectives on Psychological Science 10(2):227 bis 237. Holt-Lunstad J, Smith TB, Baker M, Harris T, Stephenson D. Stand 2015. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Loneliness and social isolation as risk factors for coronary heart disease and stroke: systematic review and meta-analysis of longitudinal observational studies. Heart 102(13):1009 bis 1016. Valtorta NK, Kanaan M, Gilbody S, Ronzi S, Hanratty B. Stand 2016. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Social ties and susceptibility to the common cold. JAMA 277(24):1940 bis 1944. Cohen S, Doyle WJ, Skoner DP, Rabin BS, Gwaltney JM. Stand 1997. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Social connection linked to improved health and reduced risk of early death (Pressemitteilung zum Bericht der WHO-Kommission für soziale Verbindung). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand 30.06.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Social support as a health resource in Germany. Journal of Health Monitoring 2(4):110 bis 115. Robert Koch-Institut (Borgmann LS, Rattay P, Lampert T). Stand 13.12.2017. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Erstes Einsamkeitsbarometer für Deutschland veröffentlicht. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Stand 30.05.2024. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Social network changes and life events across the life span: a meta-analysis. Psychological Bulletin 139(1):53 bis 80. Wrzus C, Hänel M, Wagner J, Neyer FJ. Stand 2013. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Freiwilliges Engagement bleibt stabil (Kurzbericht zum Deutschen Freiwilligensurvey 2024). Die Bundesregierung, Staatsminister für Sport und Ehrenamt. Stand 07.09.2026. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Selbsthilfegruppen (Basiswissen). Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS). Stand 22.09.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde 5 steps to mental wellbeing. National Health Service (NHS), England. Stand 14.10.2026. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
Passt dazu
-
Ratgeber Ratgeber zu Partnerschaft, Familie und Freundschaft
Alle Ratgeber zu Beziehung und Familie: Kommunikation und Streit, Eifersucht und Trennung, Grenzen und Gewalt, Freundschaft …
-
Ratgeber Bindungsstile
Bindungsstile erklärt: woher sicher, ängstlich und vermeidend kommen, was Studien zur Partnerschaft zeigen und wie stark …
-
Tests Familienklima-Test
Familienklima-Test als eigener Check: 12 Aussagen zu Zusammenhalt, Offenheit, Streit, Respekt und gemeinsamer Zeit in deiner …