Ratgeber
Co-Abhängigkeit: Wenn die Sucht eines anderen dein Leben bestimmt
Mit Co-Abhängigkeit ist gemeint, dass Angehörige eines Menschen mit Sucht ungewollt dessen Konsum stützen, etwa indem sie ihn decken, Folgen ausbügeln oder das Suchtmittel besorgen, und dabei selbst erschöpfen. Eine Diagnose ist das nicht, der Begriff ist in der Fachwelt umstritten. Helfen können Suchtberatungsstellen, die auch Angehörige kostenlos beraten, und Selbsthilfegruppen für Angehörige.
Wenn ein Mensch, der dir nahesteht, trinkt, Drogen nimmt oder spielt, verändert das auch dein Leben. Du rufst beim Arbeitgeber an und entschuldigst ihn, du bezahlst Rechnungen, du sagst Verabredungen ab, weil du nicht weißt, in welchem Zustand er nach Hause kommt. Für dieses Muster hat sich das Wort Co-Abhängigkeit eingebürgert. Diese Seite erklärt, was damit gemeint ist, warum der Begriff umstritten ist und was du für dich tun kannst, ob der andere etwas ändert oder nicht. Wie weit die Sucht eines Angehörigen gerade in deinen Alltag reicht, zeigt dir der Co-Abhängigkeit-Check.
Was mit Co-Abhängigkeit gemeint ist
Das österreichische Gesundheitsportal versteht unter Co-Abhängigkeit suchtförderndes Verhalten gegenüber Menschen mit einer Suchterkrankung, das oft unbewusst geschieht. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Umfeld von Angehörigen alkoholabhängiger Menschen. Nach dem Gesundheitsportal gibt es in der Suchtforschung die Tendenz, unter Co-Abhängigkeit jedes suchtfördernde Verhalten zu verstehen, unabhängig von der Suchtform [1]. Die Caritas beschreibt es so: Bei einer Abhängigkeitserkrankung ist neben der betroffenen Person oft auch die Familie in die Sucht eingebunden [4].
Das Gesundheitsportal betont, dass der Begriff neutral gemeint ist und keine Schuld zuweist. Angehörige haben nur begrenzten Einfluss auf die Sucht, und nicht jeder Mensch im Umfeld ist co-abhängig [1]. Eine Diagnose ist Co-Abhängigkeit ebenfalls nicht. In den internationalen Diagnosesystemen gibt es sie nicht, schreibt das Portal therapie.de, der Begriff soll Angehörigen eher helfen, ihr eigenes Verhalten zu verstehen [5].
Warum der Begriff umstritten ist
Was genau Co-Abhängigkeit ist, darüber gibt es seit Jahrzehnten keine Einigkeit. Die Ansichten in der Fachwelt reichen von "jede nahe Bezugsperson ist betroffen" bis "das gesamte Umfeld ist betroffen" [1]. Schon 1988 interviewten die Soziologen Ramona Asher und Dennis Brissett Frauen alkoholkranker Männer. Die Frauen nannten sich selbstverständlich co-abhängig, waren sich aber uneinig, ob das eine Krankheit ist, wie lange es dauert und ob es nur in Ehen mit Alkohol vorkommt. Die Autoren sahen die Gefahr, dass der Begriff die Ehefrauen selbst als krankhaft abstempelt [6].
Diese Kritik gibt es bis heute. Die Caritas nennt das Konzept umstritten und nicht einheitlich definiert. Es mache Angehörige potenziell selbst zu Kranken, deshalb verwenden viele Fachleute lieber Wörter wie "suchtförderndes Verhalten" oder "Mitbetroffenheit" [4]. Eine Übersichtsarbeit der University of Hertfordshire hat 2026 dreißig Studien aus den Jahren 2013 bis 2024 ausgewertet. Sie nennt Co-Abhängigkeit ein umstrittenes Konstrukt, das sehr unterschiedlich verstanden wird, und fand sechs verschiedene Sichtweisen, von gesellschaftlichen über suchtbezogene bis zu entwicklungspsychologischen Erklärungen. Über die Studien hinweg ging Co-Abhängigkeit mit seelischer Belastung, einem gestörten Selbstbild und Schwierigkeiten in Beziehungen einher [7].
Für dich zählt vor allem, ob dich die Sucht eines anderen so stark beschäftigt, dass für dich selbst kaum noch Raum bleibt.
Typische Verhaltensweisen
Die meisten Verhaltensweisen, die unter Co-Abhängigkeit fallen, kommen aus Sorge, Liebe oder dem Wunsch, Schaden von der Familie abzuwenden. Das Gesundheitsportal nennt fünf Muster [1]. Die Caritas und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beschreiben ähnliche [3, 4].
| Verhaltensweise | Beispiel | Beleg |
|---|---|---|
| Verharmlosen oder ignorieren | Das Problem herunterspielen, die Folgen kleinreden | [1, 4] |
| Zugang erleichtern | Alkohol einkaufen, Geld dafür zustecken, bei Computerspielsucht Spiele kaufen | [1, 3] |
| Pflichten und Folgen übernehmen | Aufgaben erledigen, für die der andere zuständig ist, suchtbedingte Schulden bezahlen | [1, 3, 4] |
| Entschuldigen | Ausreden liefern, das Verhalten rechtfertigen | [1, 3, 4] |
| Verheimlichen | Das Problem vor Freunden, Familie oder Kollegen verbergen | [1, 3] |
| Mittrinken | Mit dem anderen oder in seiner Gegenwart trinken | [3] |
Hinter dem Verheimlichen stehen oft Schuld und Scham und der Wunsch, nach außen den Schein zu wahren [4]. Das Verharmlosen ist häufig ein Schutzmechanismus [1]. Das Problem an all diesen Mustern: Sie nehmen dem Menschen mit der Sucht die Folgen ab und hindern ihn so daran, sich mit seiner Sucht auseinanderzusetzen [1]. Die Caritas schreibt, dass solches Verhalten eher das Weiterleben mit der Sucht stützt, als den Ausstieg zu fördern [4]. Das IQWiG nennt eine wichtige Ausnahme: Aufgaben zu übernehmen ist richtig, wenn der andere sich oder andere sonst in Gefahr bringen würde [3].
Was die Sucht eines Angehörigen mit dir macht
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zählt zu den Mitbetroffenen Partnerinnen und Partner, Eltern, Kinder, Großeltern und weitere Verwandte, enge Freunde und auch Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzte. Nahe Angehörige erleben oft wechselnde Stimmungen, Aggressivität und Unzuverlässigkeit. Ihr eigenes Leben wird dann von der Sucht bestimmt, und für eigene Hobbys bleibt kaum Zeit [2]. Das Gesundheitsportal beschreibt Gefühle von Entsetzen und Wut bis zu Hilflosigkeit und Schuld. Wer sich dauernd kümmert, läuft Gefahr, sich zu erschöpfen und eigene Bedürfnisse, Kontakte und Pflichten zu vernachlässigen [1].

Eltern von Kindern mit einer Sucht leben nach Beschreibung der DHS in ständiger Sorge und Alarmbereitschaft, fühlen sich oft allein und stigmatisiert. Wohnt das Kind noch zu Hause, sind verlässliche Absprachen kaum möglich, und auch Geschwister können leiden [2]. Leben Kinder im Haushalt eines Menschen mit Alkoholproblem, kann das gesamte Familienleben beeinträchtigt sein [3]. Wie es dir selbst gerade geht, kannst du mit dem Selbstfürsorge-Check genauer ansehen.
Was du anders machen kannst
Die DHS fasst es in einem Satz zusammen: Den Menschen mit der Sucht kannst du zu nichts zwingen, deine eigene Situation kannst du aber verändern [2]. Das Gesundheitsportal schreibt Ähnliches, das Verhalten anderer lässt sich nicht kontrollieren, nur das eigene [1]. Das IQWiG rät Angehörigen, realistisch einzuschätzen, was sie leisten können, auf die eigene Gesundheit zu achten und sich bei Bedarf Auszeiten zu nehmen [3].

Konkret empfiehlt das IQWiG, keinen Alkohol für den anderen zu kaufen, nicht mit ihm zu trinken, ihm keine Aufgaben abzunehmen, für die er selbst verantwortlich ist, und ihm nicht beim Verheimlichen zu helfen. Du darfst festlegen, welches Verhalten du akzeptierst. Wenn du jemanden einlädst, musst du zum Beispiel nicht hinnehmen, dass er oder sie in deiner Wohnung trinkt. Wichtig ist, Grenzen zu setzen, auf ihre Einhaltung zu achten und die angekündigten Konsequenzen auch umzusetzen. Wenn du befürchtest, dass es dabei zu einer Auseinandersetzung kommt, hol dir vorher Unterstützung [3]. Das Gesundheitsportal rät, Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen und die eigenen Grenzen und Rollen zu klären [1]. Wenn dir Nein sagen generell schwerfällt, hilft dir der Grenzen-Setzen-Check beim Sortieren, und der Ratgeber Grenzen setzen lernen beschreibt, wie du anfangen kannst.
Ein Gespräch über die Sucht führen
Viele Angehörige wollen den anderen ansprechen und wissen nicht, wie. Das IQWiG gibt dafür einige Hinweise [3]. Wähle einen ungestörten Moment, in dem ihr beide nüchtern seid. Schildere, was du beobachtest, frag nach seinem Befinden und sprich in Ich-Botschaften, etwa "Ich mache mir Sorgen, wenn du nachts nicht nach Hause kommst". Hör zu und versuch, seine Sicht zu verstehen. Vermeide Wörter wie "Alkoholiker", Belehrungen und Vorwürfe. Ein konkretes Verhalten darfst du offen ansprechen, die Person als Ganzes solltest du nicht kritisieren. Du kannst anbieten, bei der Suche nach einer Beratungsstelle oder auf dem Weg dorthin zu helfen.
Ablehnung oder Ärger sind normal. Viele brauchen Zeit, um sich ein Problem einzugestehen, und Veränderungen gelingen oft erst nach mehreren Anläufen. Je nach Situation kann es sinnvoll sein, eine dritte Person einzubeziehen und sich vorher gut mit ihr abzusprechen [3]. Einsicht lässt sich nicht erzwingen, die Entscheidung trifft jeder selbst [3]. Das IQWiG schreibt auch, dass eine Sucht eine Erkrankung ist und keine Frage des Willens oder ein moralisches Versagen. Bei einer Abhängigkeit ist professionelle Hilfe nötig [3]. Wenn du wissen willst, wie riskant ein bestimmter Alkoholkonsum ist, kann der Alkohol-Test eine erste Einschätzung geben. Nach dem IQWiG kann es leichter sein, ein Alkoholproblem zuzugeben, wenn die Einschätzung von einer unabhängigen Stelle kommt und nicht vom Partner, aus der Familie oder dem Freundeskreis [3].
Hilfe für Angehörige
Suchtberatungsstellen sind auch für Angehörige da, die Beratung ist kostenlos und auf Wunsch anonym [3]. Telefonisch und online klärst du offene Fragen, ohne dich festzulegen, und bestimmst selbst Umfang und Tempo [2]. Bei einer persönlichen Beratung vor Ort stehen deine Situation und deine Sorgen im Mittelpunkt, und du kannst besprechen, wie du dich gegenüber dem anderen verhalten willst [2]. Das Suchthilfeverzeichnis der DHS listet rund 2.100 ambulante und stationäre Einrichtungen in ganz Deutschland [2]. Die Sucht & Drogen Hotline erreichst du täglich von 8 bis 24 Uhr unter 01806 313031, ein Anruf kostet 0,20 Euro.

Selbsthilfegruppen für Angehörige sind kostenlos, vor Ort und online. Die DHS nennt unter anderem das Blaue Kreuz, die Guttempler, den Kreuzbund und die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe [2]. Für Eltern von Kindern mit einer Sucht gibt es eigene Elternkreise. Jugendämter bieten außerdem Hilfen zur Erziehung nach dem Achten Sozialgesetzbuch an [2].
Es gibt auch Programme, die Angehörigen zeigen, wie sie den anderen zu einer Behandlung bewegen können. Eine Übersichtsarbeit von Hendrik Roozen und Kollegen hat vier randomisierte Studien mit 264 Angehörigen zum Programm CRAFT (Community Reinforcement and Family Training) ausgewertet. Mit CRAFT ließen sich ungefähr zwei Drittel der zuvor behandlungsunwilligen Menschen mit einer Sucht für eine Behandlung gewinnen, meist nach vier bis sechs Sitzungen. Den Angehörigen selbst ging es in den sechs Monaten der Studien psychisch und körperlich deutlich besser, unabhängig davon, welche Unterstützung sie bekommen hatten [8]. Ob es in deiner Nähe ein solches Angebot gibt, kann dir eine Suchtberatungsstelle sagen.
Wenn Aggression oder Gewalt dazukommt
Viele Angehörige erleben bei dem Menschen mit der Sucht Aggressivität und wechselnde Stimmungen [2]. Das Gesundheitsportal rät, bei Aggression oder Schuldzuweisungen eine außenstehende Person hinzuzuziehen [1]. Auch das IQWiG empfiehlt Unterstützung, wenn du eine Auseinandersetzung befürchtest [3]. Wirst du bedroht oder geschlagen, ist das häusliche Gewalt. Gewalttaten sind Straftaten, auch wenn sie zu Hause geschehen [9]. Das Gewaltschutzgesetz erlaubt dem Gericht Schutzanordnungen auch dann, wenn die Tat in einem Rauschzustand begangen wurde, der die freie Willensbestimmung ausschließt [10]. Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" erreichst du rund um die Uhr unter 116 016, das Hilfetelefon "Gewalt an Männern" unter 0800 1239900, Montag bis Donnerstag von 8 bis 20 Uhr und Freitag von 8 bis 15 Uhr. In akuter Gefahr wählst du die 110 oder die 112. Kinder und Jugendliche, die zu Hause unter der Sucht eines Elternteils leiden, können sich an die Nummer gegen Kummer wenden. Alle geprüften Nummern stehen auf der Seite Hilfe finden.
- Behörde Co-Abhängigkeit. Gesundheitsportal gesundheit.gv.at (Österreich), Redaktion Gesundheitsportal, Expertenprüfung Dr. Dominik Batthyány. Stand 12.02.2021. abgerufen am 28.10.2026
- Fachgesellschaft Angehörige und Mitbetroffene. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Was können Angehörige tun? (Alkohol). Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 24.01.2023. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Co-Abhängigkeit (Glossar). Deutscher Caritasverband, caritas.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Organisation Co-Abhängigkeit. therapie.de (Pro Psychotherapie e. V.), Dr. Christine Amrhein. Stand 16.11.2020. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Codependency: a view from women married to alcoholics. International Journal of the Addictions 23(4), S. 331 bis 350. Asher R, Brissett D. Stand 1988. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Co-Dependency Revisited: An Integrative Review of Conceptualisations and Mental Health Outcomes. Clinical Psychology & Psychotherapy 33(2), e70265. Molina E, Taiwo A, Grey B. Stand 2026. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Community reinforcement and family training: an effective option to engage treatment-resistant substance-abusing individuals in treatment. Addiction 105(10), S. 1729 bis 1738. Roozen HG, de Waart R, van der Kroft P. Stand 2010. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Häusliche Gewalt. Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Gewaltschutzgesetz (GewSchG), § 1 Gerichtliche Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt und Nachstellungen. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
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