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Streit unter erwachsenen Geschwistern: Woher er kommt und was hilft

Streit unter erwachsenen Geschwistern hat oft eine lange Vorgeschichte: Studien zeigen, dass die Erinnerung an Bevorzugung in der Kindheit mit Spannungen im Erwachsenenalter zusammenhängt. Auch wenn die Eltern Pflege brauchen, können Spannungen zunehmen, besonders wenn jemand die Pflege übernimmt und Geschwister Bevorzugung wahrnehmen. Klare Absprachen, ruhige Gespräche und bei festgefahrenen Fragen eine Mediation oder Familienberatung können helfen.

Geschwister-Streit unter Erwachsenen ist etwas anderes als der Zank um das Spielzeug im Kinderzimmer, auch wenn er manchmal genauso klingt. Wer erwachsen ist, kann sich aus dem Weg gehen, und trotzdem bleiben Bruder oder Schwester über die Eltern, gemeinsame Erinnerungen und Familienfeste miteinander verbunden. Spannungen zwischen erwachsenen Geschwistern hängen laut Studien mit dem Gefühl zusammen, früher oder heute ungleich behandelt zu werden, und mit der Pflege der Eltern. Auch ein Erbe kann Anlass für Streit sein. Diese Seite erklärt, was Studien dazu zeigen, und beschreibt Wege, einen Streit zu klären oder mit einem Abstand gut zu leben. Wie du die Beziehung zu einem Geschwister gerade erlebst, kannst du mit dem Geschwisterbeziehung-Test einschätzen.

Geschwister im Lauf des Lebens

Das Deutsche Zentrum für Altersfragen nennt die Beziehungen zu Geschwistern die am längsten möglichen und gelebten Beziehungen mit anderen Menschen. Sie können von der Kindheit bis ins hohe Alter bestehen, lose oder sehr intensiv sein und sich im Lauf des Lebens unterschiedlich entwickeln [1]. Nach dem Deutschen Alterssurvey 2017 haben drei Viertel der Menschen ab 60 Jahren noch Geschwister, im Mittel 2,2. Von denen, die Geschwister haben, zählt aber nur gut ein Drittel (35 Prozent) mindestens eines zum engeren persönlichen Netzwerk, also zu den Menschen, die einem wichtig sind und mit denen man regelmäßig Kontakt hat [1].

Gehört ein Geschwister zu diesem engen Kreis, ist die Bindung meist stark: Rund 90 Prozent der Befragten fühlen sich ihm eng oder sehr eng verbunden, und viele haben mindestens einmal pro Woche Kontakt. Praktische oder finanzielle Hilfe zwischen älteren Geschwistern ist dagegen selten [1]. Eine Geschwisterbeziehung kann also bis ins Alter tragen, doch bei der Mehrheit der Älteren gehören Geschwister nicht zum engeren Kreis der Menschen, die einem wichtig sind und zu denen sie regelmäßig Kontakt haben. Wenn ihr euch wenig zu sagen habt, ist das allein noch kein Zeichen für einen Konflikt.

Das Gefühl, ungleich behandelt zu werden

Viele Spannungen zwischen erwachsenen Geschwistern reichen in die Kindheit zurück. Eine US-Studie mit 708 erwachsenen Kindern aus 274 Familien fand: Wer glaubte, dass die Mutter eines der Kinder bevorzugt, fühlte sich den Geschwistern weniger nah, und zwar unabhängig davon, wer bevorzugt wurde. Für Spannungen zwischen den Geschwistern war die Erinnerung an Bevorzugung in der Kindheit wichtiger als der Eindruck, dass die Mutter heute ein Kind bevorzugt [2]. Eine weitere Auswertung derselben Forschungsgruppe mit 341 erwachsenen Kindern kam zu einem etwas anderen Ergebnis: Hier sagte der Eindruck, dass der Vater heute ein Kind bevorzugt, Spannungen zwischen Geschwistern voraus, der Eindruck einer Bevorzugung durch die Mutter dagegen nicht. Bei Töchtern war dieser Zusammenhang stärker als bei Söhnen [3].

Wie Geschwister als Kinder miteinander umgegangen sind, kann lange nachwirken. In einer US-Langzeitstudie mit 229 Männern, die nach seelischer und körperlicher Gesundheit ausgewählt und vom 20. bis über das 50. Lebensjahr begleitet wurden, sagte eine schlechte Geschwisterbeziehung vor dem 20. Lebensjahr eine spätere schwere Depression voraus, auch nach Berücksichtigung der Beziehung zu den Eltern [4]. Eine britische Studie mit über 6.900 Jugendlichen fand, dass Kinder, die mit zwölf Jahren häufig von einem Geschwister gemobbt wurden, mit 18 etwa doppelt so oft eine Depression hatten wie Kinder, die das nicht erlebt hatten [5]. Beide Studien zeigen Zusammenhänge und keine sichere Ursache.

Für ein Gespräch kann es helfen, diese Vorgeschichte mitzudenken. Wenn jemand heftig auf eine kleine Bemerkung reagiert, kann auch eine alte Kränkung mitschwingen. Das entschuldigt kein verletzendes Verhalten, kann dir aber helfen, im Gespräch ruhiger zu bleiben.

Wenn die Eltern Pflege brauchen

Ein häufiger Anlass für neuen Streit ist die Frage, wer sich um die alt gewordenen Eltern kümmert. Eine US-Studie mit 450 erwachsenen Kindern aus 214 Familien, in denen die Mutter in den zwei Jahren vor der Befragung Pflege gebraucht hatte, fand mehr Spannungen zwischen Geschwistern, wenn die befragte Person selbst die Pflege übernahm und wenn sie den Eindruck hatte, die Mutter bevorzuge ein Kind für die künftige Pflege. Kam beides zusammen, waren die Spannungen am größten. Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass pflegende Kinder sich meist zuerst an ihre Geschwister wenden, wenn sie Unterstützung suchen, und dass gerade diese Beziehungen oft eine große Belastung sind [6].

Bruder und Schwester in den Fünfzigern sprechen am Küchentisch bei Kaffee ernst und ruhig miteinander
Bild: KI-generiert

Hilfreich ist, früh und offen darüber zu sprechen, wer was übernehmen kann, statt abzuwarten, bis eine Krise die Rollen verteilt. Wer weiter weg wohnt, kann vielleicht Behördengänge oder Telefonate übernehmen, wer in der Nähe lebt, eher Besuche. Wie andere pflegende Angehörige Entlastung finden, beschreibt der Ratgeber Hilfe für pflegende Angehörige.

Manchmal sorgen auch Ängste vor Kosten für Streit. In der Sozialhilfe gilt eine Grenze: Unterhaltsansprüche der pflegebedürftigen Eltern gegen ihre Kinder werden nur berücksichtigt, wenn das jährliche Gesamteinkommen des jeweiligen Kindes über 100.000 Euro liegt. Das Gesetz geht dabei davon aus, dass das Einkommen unter dieser Grenze liegt, solange keine Anhaltspunkte für das Gegenteil bestehen [7]. Die Grenze gilt für jedes Kind einzeln. Ob sie in deinem Fall greift, klärst du am besten mit dem Sozialamt oder einer Rechtsberatung.

Streit ums Erbe

Erben mehrere Geschwister gemeinsam, bilden sie eine Erbengemeinschaft. Gibt es kein Testament, gehören Kinder zu den gesetzlichen Erben der ersten Ordnung, und mehrere Kinder erben untereinander zu gleichen Teilen [10]. Daneben erbt ein überlebender Ehegatte als gesetzlicher Erbe grundsätzlich ein Viertel der Erbschaft [14]. Je nach Güterstand und Testament kann sich das ändern, das klärst du mit einer Rechtsberatung. Den Nachlass verwalten die Erben gemeinschaftlich, und jeder muss an Maßnahmen mitwirken, die für eine ordnungsgemäße Verwaltung nötig sind. Was zur Erhaltung des Nachlasses notwendig ist, darf jeder Miterbe auch allein veranlassen [8]. Jeder Miterbe kann grundsätzlich jederzeit verlangen, dass die Erbengemeinschaft aufgelöst und der Nachlass geteilt wird [9].

Nach diesen Regeln müssen alle Miterben an einer ordnungsmäßigen Verwaltung mitwirken, und jeder kann grundsätzlich die Teilung verlangen. Bei einem Haus, an dem Erinnerungen hängen, können dabei Gefühle und Geld aufeinandertreffen. Wenn ihr euch nicht einig werdet, ist eine Mediation eine Möglichkeit, bevor ein Gericht entscheidet. Für die rechtlichen Fragen selbst brauchst du eine Rechtsberatung, etwa bei einer Anwältin oder einem Notar.

AnlassWas dazu bekannt istBeleg
Bevorzugung in der KindheitErinnerte Bevorzugung durch die Mutter hing stärker mit Spannungen unter erwachsenen Geschwistern zusammen als heutige.[2]
Bevorzugung heuteDer Eindruck, dass der Vater heute ein Kind bevorzugt, sagte Spannungen unter Geschwistern voraus, besonders bei Töchtern.[3]
Pflege der ElternPflege zu übernehmen und Bevorzugung bei der künftigen Pflege gingen mit mehr Spannungen einher, zusammen am stärksten.[6]
Kosten der PflegeUnterhaltsrückgriff der Sozialhilfe auf Kinder nur bei einem Jahreseinkommen über 100.000 Euro.[7]
ErbeErben verwalten den Nachlass gemeinsam, jeder Miterbe kann grundsätzlich die Teilung verlangen.[8, 9]

Wie ihr miteinander ins Gespräch kommt

Für Gespräche in festgefahrenen Familienkonflikten gibt das vom Bundesfamilienministerium geförderte Portal STARK Hinweise, die eigentlich für getrennte Eltern geschrieben sind und sich gut auf Geschwister übertragen lassen [12]. Such das Gespräch, wenn sich beide beruhigt haben, und nicht in einem hektischen Moment. Fang mit einem Thema an, das nicht das schwierigste ist. Hör zu, frag nach, wie etwas gemeint war, statt es vor dem Hintergrund alter Verletzungen zu deuten, und sprich über deine eigenen Wünsche und Beobachtungen, statt Vorwürfe zu machen. Kritisiere ein bestimmtes Verhalten und nicht die ganze Person. Eigene Fehler einzuräumen schafft Vertrauen, und ein Ausgleich bei einem anderen Thema ist oft besser als ein Streit ohne Ende [12].

Zwei Schwestern in den Vierzigern gehen bei hellem Tageslicht mit einem Hund durch die Dünen
Bild: KI-generiert

Das Portal betont auch, dass du dein eigenes Verhalten steuern kannst, selbst wenn sich die andere Person nicht ändert [12]. Für Geschwister heißt das: Du kannst ein Gespräch anbieten, aber du kannst nicht erzwingen, dass dein Bruder oder deine Schwester es annimmt.

Wenn ihr allein nicht weiterkommt, gibt es zwei naheliegende Wege. In einer Mediation sucht ihr mit einer unabhängigen, neutralen Person freiwillig nach einer Einigung. Die Mediatorin oder der Mediator führt durch das Gespräch und trifft keine Entscheidung für euch [11]. Das passt besonders bei einer klaren Streitfrage wie der Pflege oder dem Erbe. Wenn es eher um die Beziehung selbst geht, helfen Ehe- und Familienberatungsstellen weiter. Laut Familienportal des Bundesfamilienministeriums gibt es über 1.000 davon, und die Beratung ist kostenfrei und streng vertraulich [13]. Allgemeine Regeln für Familienstreit stehen im Ratgeber Familienkonflikte lösen.

Wenn Abstand die bessere Lösung ist

Nicht jeder Geschwisterkonflikt lässt sich lösen. Die Zahlen des Alterssurveys zeigen, dass viele ältere Menschen ihre Geschwister nicht zum engeren Kreis zählen [1]. Dass Geschwister nicht zum engeren Kreis gehören, ist bei Älteren also verbreitet und kann eine bewusste Entscheidung sein. Manche Geschwister einigen sich darauf, sich bei Familienfesten freundlich zu begegnen, ohne alte Themen zu öffnen. Andere halten Kontakt nur über Nachrichten oder zu bestimmten Anlässen.

Wenn dich der Streit mit einem Geschwister über Wochen beschäftigt und du merkst, dass er dich auch in anderen Bereichen belastet, kann der Check zur familiären Belastung beim Einordnen helfen. Bei Niedergeschlagenheit, Schlafproblemen oder dem Gefühl, keine Freude mehr zu empfinden, ist die Hausarztpraxis für viele Menschen mit psychischen Beschwerden die erste Adresse. Du kannst dich auch direkt an eine psychotherapeutische Praxis wenden [15].

Wenn ein Geschwister dich bedroht, dir Gewalt antut oder Angst macht, geht deine Sicherheit vor. Such dann kein klärendes Gespräch allein mit dieser Person und hol dir Unterstützung. In akuter Gefahr wählst du die Polizei unter 110. Hilfetelefone und Beratungsstellen findest du auf der Seite Hilfe finden.

  1. Studie Geschwisterbeziehungen im Alter: Ergebnisse aus dem Deutschen Alterssurvey (DZA-Fact Sheet). Engstler H, Klaus D, Deutsches Zentrum für Altersfragen. Stand 08.2020. abgerufen am 28.10.2026
  2. Studie The role of perceived maternal favoritism in sibling relations in midlife. Journal of Marriage and Family 71(4):1026 bis 1038. Suitor JJ, Sechrist J, Plikuhn M, Pardo ST, Gilligan M, Pillemer K. Stand 2009. abgerufen am 28.10.2026
  3. Studie Differential effects of perceptions of mothers' and fathers' favoritism on sibling tension in adulthood. Journals of Gerontology Series B 68(4):593 bis 598. Gilligan M, Suitor JJ, Kim S, Pillemer K. Stand 2013. abgerufen am 28.10.2026
  4. Studie Childhood sibling relationships as a predictor of major depression in adulthood: a 30-year prospective study. American Journal of Psychiatry 164(6):949 bis 954. Waldinger RJ, Vaillant GE, Orav EJ. Stand 2007. abgerufen am 28.10.2026
  5. Studie Sibling bullying and risk of depression, anxiety, and self-harm: a prospective cohort study. Pediatrics 134(4):e1032 bis e1039. Bowes L, Wolke D, Joinson C, Lereya ST, Lewis G. Stand 2014. abgerufen am 28.10.2026
  6. Studie Caregiving, perceptions of maternal favoritism, and tension among siblings. The Gerontologist 54(4):580 bis 588. Suitor JJ, Gilligan M, Johnson K, Pillemer K. Stand 2014. abgerufen am 28.10.2026
  7. Gesetz Sozialgesetzbuch Zwölftes Buch (SGB XII), § 94 Übergang von Ansprüchen gegen einen nach bürgerlichem Recht Unterhaltspflichtigen. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  8. Gesetz Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 2038 Gemeinschaftliche Verwaltung des Nachlasses. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  9. Gesetz Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 2042 Auseinandersetzung. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  10. Gesetz Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 1924 Gesetzliche Erben erster Ordnung. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  11. Gesetz Mediationsgesetz (MediationsG), § 1 Begriffsbestimmungen. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  12. Organisation Konfliktlösung und Deeskalation (STARK, gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Lux U, Zimmermann J, Deutsches Jugendinstitut e. V. und LMU München. Stand 31.01.2024. abgerufen am 28.10.2026
  13. Behörde Ehe- und Familienberatung. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, familienportal.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
  14. Gesetz Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), § 1931 Gesetzliches Erbrecht des Ehegatten. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand aktuelle Fassung. abgerufen am 28.10.2026
  15. Behörde Psychische Probleme: Wo gibt es Hilfe?. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de. Stand 19.03.2025. abgerufen am 28.10.2026

Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.

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