Ratgeber
Narzissmus in der Beziehung: Was hinter dem Wort steckt
Narzissmus in der Beziehung zeigt sich oft durch Abwertung, ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung, wenig Mitgefühl und heftige Reaktionen auf Kritik. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben nach Studien etwa 2 Prozent der Menschen, und feststellen kann sie nur eine Fachperson nach einer Untersuchung. Wer unter solchem Verhalten leidet, bekommt Unterstützung bei Beratungsstellen und den Hilfetelefonen.
Narzissmus in der Beziehung ist ein Thema, zu dem es unzählige Videos, Bücher und Erfahrungsberichte gibt. Das Wort "Narzisst" ist dabei längst in die Alltagssprache gewandert und wird für sehr verschiedene Menschen benutzt: für den eitlen Kollegen ebenso wie für einen Partner, der seine Partnerin über Jahre klein macht. Dieser Ratgeber trennt das Alltagswort von der psychiatrischen Diagnose, fasst zusammen, was Studien über Narzissmus und Partnerschaft wissen, und zeigt, wo du Unterstützung bekommst. Welche belastenden Verhaltensweisen du selbst erlebst, kannst du vorher mit dem Warnzeichen-Check sortieren.
Narzissmus als Eigenschaft und als Störung
In der Psychologie ist Narzissmus zunächst eine Persönlichkeitseigenschaft, die bei allen Menschen mehr oder weniger stark ausgeprägt ist. Fachleute streiten darüber, wo normaler Narzissmus endet und krankhafter beginnt und was überhaupt zum Kern gehört. Eine Übersichtsarbeit von Joshua Miller und Kollegen führt die geringe Einheitlichkeit der Forschung darauf zurück, dass zwei Erscheinungsformen oft nicht getrennt werden. Die grandiose Form zeigt sich offen überheblich, selbstbezogen, anspruchsvoll und dominant. Die verletzliche Form ist ebenfalls selbstbezogen, wirkt aber misstrauisch, empfindlich und eher zurückhaltend [4]. Ein Mensch, der leise und gekränkt auftritt, kann also ebenso narzisstische Züge haben wie einer, der laut prahlt.
Von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sprechen Fachleute erst, wenn solche Züge tiefgreifend und dauerhaft sind und erhebliche Probleme im Leben verursachen. Das MSD Manual beschreibt sie als langanhaltendes Muster aus einem übersteigerten Gefühl der eigenen Bedeutung, einem starken Bedürfnis nach Bewunderung und fehlendem Einfühlungsvermögen [1]. Nach Studien sind etwa 2 Prozent der Menschen betroffen, Männer häufiger als Frauen [1].
Das Bild vom durchweg selbstsicheren Narzissten greift zu kurz. Der Ärzteblatt-Beitrag von Marion Sonnenmoser fasst Arbeiten zusammen, nach denen Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung auch unsicher, scheu, depressiv oder überempfindlich wirken können. In einer Studie hatten sie einen niedrigeren Selbstwert als gesunde Vergleichspersonen. Häufiger als die Störung selbst wird in der Forschung ein subklinischer Narzissmus untersucht, also ausgeprägte Züge ohne Krankheitswert [5].
Wie Fachleute die Diagnose stellen
Im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5-TR gibt es neun Merkmale, von denen mindestens fünf dauerhaft vorliegen müssen. Dazu gehören laut MSD Manual Größenvorstellungen, Fantasien von Erfolg, Macht oder perfekter Liebe, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, das Verlangen nach Bewunderung, eine Anspruchshaltung, das Ausnutzen anderer, fehlendes Mitgefühl, Neid sowie Arroganz und Überheblichkeit [1]. Die Diagnose stellen Ärztinnen und Ärzte auf Grundlage einer eigenen Beurteilung [1].
Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation geht einen anderen Weg. Sie kennt keine narzisstische Persönlichkeitsstörung mehr als eigene Kategorie. Alle früheren Unterformen bis auf das Borderline-Muster sind entfallen. Stattdessen beschreibt die ICD-11 eine Persönlichkeitsstörung nach ihrem Schweregrad (leicht, mittel, schwer) und nach fünf Merkmalsbereichen: negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung und Zwanghaftigkeit. Dem früheren Bild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung entspricht nach Schmeck eine Kombination aus negativer Affektivität und Dissozialität. Zur Dissozialität gehören auch Egozentrik und das Erwarten von Bewunderung [2]. Die ICD-11 ist seit dem 01.01.2022 in Kraft. In Deutschland gilt für Diagnosen im Gesundheitswesen bisher weiter die ICD-10-GM, und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte rechnet mit einer Einführung über mehrere Jahre [3].
Für dich als Partnerin oder Partner heißt das: Ob jemand eine Persönlichkeitsstörung hat, lässt sich weder aus der Ferne noch mit einem Online-Test klären. Es hilft dir auch selten weiter, weil sich der Alltag mit einer Diagnose nicht automatisch ändert.
Wie sich narzisstische Züge in einer Partnerschaft zeigen können
Die Merkmale aus dem Diagnosehandbuch lassen sich in Situationen übersetzen, die viele Betroffene beschreiben. Das MSD Manual schreibt, dass Menschen mit dieser Störung Kritik schlecht vertragen, sich schnell gekränkt oder abgelehnt fühlen und mit Wut, Verachtung oder einem scharfen Gegenangriff reagieren. Manche ziehen sich stattdessen zurück [1]. Ihr Selbstwertgefühl hängt stark von der Meinung anderer ab und ist deshalb instabil. Sie werten die Leistungen anderer oft ab, beneiden andere und nutzen sie aus, um eigene Ziele zu erreichen [1]. In einer Beziehung kann das bedeuten, dass ein vorsichtiger Einwand einen heftigen Streit auslöst, dass deine Erfolge kleingeredet werden oder dass deine Sorgen kaum Raum bekommen.

Ein Fachbeitrag im Deutschen Ärzteblatt beschreibt, dass Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung kaum tiefe und dauerhafte Beziehungen eingehen und wenig echtes Interesse an anderen zeigen. Sie leiden aber auch selbst, und oft führen erst ernste Krisen sie in eine Therapie [5]. Das erklärt manches, ändert aber nichts daran, dass du dich in der Beziehung sicher und respektiert fühlen darfst.
Ein Teil des Verhaltens, das unter dem Schlagwort Narzissmus besprochen wird, ist psychische Gewalt. Das Hilfetelefon "Gewalt an Männern" zählt dazu Beleidigungen, Erniedrigung und Drohungen, ständige Kontrolle von Geld oder Smartphone, zerstörtes Eigentum und das Verbieten wichtiger Kontakte [6]. Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" nennt außerdem die Herabsetzung vor anderen und Jähzorn, bei dem Sachen kaputtgehen [7]. Solches Verhalten ist nicht deshalb harmloser, weil jemand vielleicht eine psychische Störung hat. Wenn dein Gegenüber dich dauerhaft an deiner Wahrnehmung zweifeln lässt, beschreibt der Ratgeber Gaslighting erkennen dieses Muster genauer.
Was Studien zu Narzissmus, Partnerschaft und Gewalt zeigen
Die Forschung zu Narzissmus ist umfangreich, zu Partnerschaften aber deutlich dünner. Die meisten Studien messen narzisstische Züge in der allgemeinen Bevölkerung mit Fragebögen, nicht die diagnostizierte Störung.
| Frage | Was die Auswertung fand | Beleg |
|---|---|---|
| Wie häufig ist die Störung? | Etwa 2 Prozent der Menschen, Männer häufiger. Die Schätzungen schwanken. | [1] |
| Hängen narzisstische Züge mit Aggression zusammen? | 437 Studien mit 123.043 Teilnehmenden: Zusammenhang mit Aggression (r = 0,26) und Gewalt (r = 0,23), stärker nach einer Provokation, aber auch ohne nachweisbar. Galt für alle drei untersuchten Formen: Anspruchshaltung, grandiose und verletzliche Form. | [8] |
| Hängen sie mit Gewalt in Partnerschaften zusammen? | 22 Studien mit 11.520 Teilnehmenden: schwacher Zusammenhang (r = 0,15). Nachweisbar für psychische und digitale Gewalt, für körperliche Gewalt nicht. Stärker bei der verletzlichen Form, kein Unterschied zwischen Männern und Frauen. Alle Daten aus Selbstauskünften. | [9] |
| Welche Formen gibt es? | Grandiose und verletzliche Erscheinungsform. Dass beide oft vermischt werden, macht viele Studien schwer vergleichbar. | [4] |
| Hilft Psychotherapie? | Psychotherapie gilt als Behandlung, genannt werden psychodynamische Verfahren, angepasste Borderline-Konzepte und kognitive Verhaltenstherapie. Der Ärzteblatt-Beitrag von 2014 zitiert eine Forscherin, nach der die Grundlagen einer spezifischen Therapie wissenschaftlich nicht geklärt sind. | [1, 5] |
Ein Korrelationswert von 0,15 ist klein. Er bedeutet, dass narzisstische Züge im Durchschnitt etwas häufiger mit Gewalt einhergehen, aber er sagt nichts über einen einzelnen Menschen. Die Autorinnen und Autoren der Partnerschaftsstudie weisen darauf hin, dass beides, narzisstische Züge und Gewalt, sozial unerwünscht ist und deshalb in Selbstauskünften wohl untertrieben wird [9]. Die große Metaanalyse von Kjærvik und Bushman fand den Zusammenhang mit Aggression vor allem nach einer Provokation. Die Autoren beschreiben Menschen mit ausgeprägtem Narzissmus deshalb als "dünnhäutig": Sie reagieren eher aggressiv, wenn sie sich angegriffen fühlen [8]. Das passt zu der heftigen Reaktion auf Kritik, die das MSD Manual beschreibt [1]. Der Zusammenhang war allerdings auch ohne Provokation nachweisbar [8]. Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" betont außerdem, dass nur wenige Täter an einer psychischen Erkrankung leiden, die als Ursache für ihr Verhalten gilt, und dass viele nach außen freundlich und friedfertig wirken [7].
Was dir helfen kann
Viele Betroffene fragen sich lange, ob sie übertreiben oder selbst schuld sind. Ein Gespräch mit jemandem, der die Situation von außen sieht, hilft beim Sortieren. Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist unter 116 016 rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich. Du musst deinen Namen nicht nennen, und du kannst dort Erlebnisse, Gefühle und Gedanken ansprechen, um Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Es gibt auch einen Chat und eine Mail-Beratung. Am Telefon übersetzen Dolmetscherinnen in 18 Sprachen, und über einen Vermittlungsdienst ist die Beratung rund um die Uhr auch in Gebärdensprache möglich [10]. Wenn du vorher für dich klären möchtest, ob du Kontrolle, Drohungen oder Gewalt erlebst, hilft dir der Check Toxische Beziehung: Warnsignale. Männer erreichen das Hilfetelefon "Gewalt an Männern" unter 0800 1239900, Montag bis Donnerstag von 8 bis 20 Uhr und Freitag von 8 bis 15 Uhr, auch per Chat und Mail. Es hat nach eigener Angabe Erfahrung mit psychischer Gewalt [6].

Wenn dein Partner oder deine Partnerin selbst etwas ändern möchte, ist Psychotherapie der Weg, den das MSD Manual beschreibt [1]. Ob jemand diesen Schritt geht, kannst du nicht erzwingen. Menschen mit dieser Störung halten ihr Verhalten oft für angemessen, was Veränderungen schwer macht [5]. Wenn Gewalt im Spiel ist, beschreibt der Ratgeber Häusliche Gewalt: Anzeichen und Hilfe, welche Unterstützung es gibt.
Gewalttaten sind Straftaten, egal wer sie begeht [7]. Bei Drohungen oder körperlicher Gewalt solltest du dir sofort Hilfe holen. In akuter Gefahr wählst du die Polizei unter 110 oder den Notruf 112.
Wann du auf dich selbst achten solltest
Psychische Gewalt ist von außen meist nicht zu sehen. Auf Dauer kann sie laut Männerhilfetelefon das eigene Identitätsempfinden und vor allem das Selbstvertrauen nachhaltig schädigen [6]. Achte darauf, ob du dich zurückziehst, schlecht schläfst oder kaum noch Freude empfindest. Wenn diese Beschwerden seit Wochen anhalten, kann der Depressions-Test beim Einordnen helfen. Ein Gespräch in der Hausarztpraxis oder in einer psychotherapeutischen Praxis ersetzt er nicht.
Alle geprüften Telefonnummern stehen auf der Seite Hilfe finden.
- Organisation Narzisstische Persönlichkeitsstörung (Ausgabe für Patienten). MSD Manual, Zimmerman M. Stand 10/2024. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Persönlichkeitsstörungen in der ICD-11. Psychiatrie + Neurologie 2/2024. Schmeck K. Stand 25.04.2024. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde ICD-11. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Controversies in Narcissism. Annual Review of Clinical Psychology 13, S. 291 bis 315. Miller JD, Lynam DR, Hyatt CS, Campbell WK. Stand 2017. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Erkrankung mit vielen Facetten. Deutsches Ärzteblatt PP 12/2014. Sonnenmoser M. Stand 2014. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Psychische Gewalt. Hilfetelefon Gewalt an Männern (gefördert von den Ländern NRW, Bayern, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Häusliche Gewalt. Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Studie The link between narcissism and aggression: A meta-analytic review. Psychological Bulletin 147(5), S. 477 bis 503. Kjærvik SL, Bushman BJ. Stand 24.05.2021. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Narcissism and Intimate Partner Violence: A Systematic Review and Meta-Analysis. Trauma, Violence, & Abuse 25(3), S. 1871 bis 1884. Oliver E, Coates A, Bennett JM, Willis ML. Stand 13.09.2023. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Beratung. Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben). Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
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